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ABTEILUNG HANDWERK UND DÖRFLICHES LEBEN DES HEIMATMUSEUMS NEU-ULM

Im alten Rathaus werden seit 1986 Leben, Wohnen und Wirtschaften um 1900 gezeigt. Trachten, Alltagskleidung, Wäsche und ihre Herstellung sowie eine alte Schulstube, Sportgeräte und historisches Spielzeug erinnern an vergangene Zeiten. Eine Besonderheit ist die "Sammlung Frank", die ein Stück Pfuhler Geschichte in Miniaturmodellen einfängt. 2001 wurde der die Ausstellung ergänzende "Museumsstadel" eröffnet. Die drei Ebenen des Gebäudes, das an das bestehende Heimatmuseum baulich anschließt, bieten insgesamt etwa 400 m² Ausstellungsfläche. Das Erdgeschoß bleibt Wechselausstellungen vorbehalten, während in den beiden Obergeschossen thematische Dauerpräsentationen zum historischen dörflichen Handwerk und zur lokalen Flachsverarbeitung eingerichtet sind.

In der Pfuhler Hauptstraße steht ein Gebäude, das im Laufe der Jahrhunderte schon verschiedene Verwendungszwecke erfahren hat. Lange Jahre diente es der Gemeinde Pfuhl als Rathaus und einige Jahre auch als Dorfschule, bis Pfuhl am 31. 5. 1977 in die Stadt Neu-Ulm eingegliedert wurde. Erst 1986 wurde für das lange Zeit leerstehende Haus eine Verwendung gefunden, als die Museumsfreunde Pfuhl hier ein Heimatmuseum einrichteten. Das Gebäude befindet sich im Besitz der Stadt Neu-Ulm, die auch für den Bauunterhalt aufkommt. Die Konzeption der Ausstellung dürfen die Museumsfreunde Pfuhl selbst bestimmen. Das Gebäude ist durch seine Aufteilung für ein Museum nicht optimal. An den verschiedenen Räumen, die vom Flur im Treppenhaus weggehen merkt man, dass dieses Haus ursprünglich für andere Zwecke erbaut wurde. Deshalb war es der Wunsch der Pfuhler, einen leerstehenden Stadel auszubauen und zu renovieren. Nachdem die Stadt Neu-Ulm den Pfuhlern diesen Gefallen erwiesen hat, standen die neuen Räume des Museumsstadels, insgesamt rund 400 Quadratmeter, lange Zeit leer. Der Grund dafür war ein erbitterter Streit, bei dem es darum ging, was wann, wo und wie im neuen Stadel präsentiert wird. Die Pfuhler wollten ihr neues Museum nach eigenem Interesse gestalten, die Stadt Neu-Ulm sprach von „Kudel-Muddel" und wolltel ihre Vorstellungen durchsetzen. Dr. Helga Gutbrod als Leiterin der städtischen Sammlungen sah in dem Museum zwar ein „nettes, kuscheliges Ding", wollte die Pfuhler Museumsfreunde aber nicht einfach vor sich „hinwurschteln" lassen. Sie forderte eine Konzeption für das, was im neuen Stadel ausgestellt wird. Die Präsentation der Stücke rund ums dörfliche Leben früherer Zeiten dürfe nicht willkürlich und laienhaft erfolgen, sondern müsse wissenschaftlich-professionellen Ansprüchen gerecht werden, da es sich um ein von der Stadt finanziertes Museum handele. Die Pfuhler Museumsfreunde lehnten es ab, dass sich die Stadt Neu-Ulm in die Konzeption einmischt und verwiesen auf den Erfolg ihrer Sonderausstellungen, wie z.B. die Sonderausstellung „Rotznasen", welche auf internationales Interesse stieß. Sie warfen der Stadt Neu-Ulm Rechthaberei vor. 1999 kam es schließlich zu einer Einigung zwischen den Museumsfreunden Pfuhl und der Stadt Neu-Ulm. Diese sah vor, dass die Museumsfreunde Pfuhl bei der Gestaltung des Museumsstadels zwar weitgehend freie Hand haben, sich aber an Richtlinien der Neu-Ulmer halten müssen. Im November des selben Jahres wurde der Stadel mit der Ausstellung "Ein Stadel voller Steckenpferde" eröffnet. 28 Hobbykünstler, überwiegend aus Pfuhl präsentieren ihre Werke. Das Heimatmuseum selbst befasst sich mit dem dörflichen Leben früherer Zeit, will aber besonders auf die damalige Armut aufmerksam machen, ein Kapitel der Zeitgeschichte, das gerne totgeschwiegen wurde.

Die Räume im ersten Obergeschoss behandeln das bürgerliche und bäuerliche Leben um die Jahrhundertwende des 19. und 20. Jahrhunderts.

Im ersten Raum bekommt der Besucher eine Trachtensammlung zu Gesicht. Dabei fällt auf, dass die schwarzen, evangelischen Trachten vom evangelisch geprägten Pfuhl deutlich trauriger als die katholischen Trachten aussehen, die aufwändigere Stickereien hatten und etwas farbenfroher waren. Eine Rarität ist der Pfuhler Zopf, der aus Flachs geflochten wird und zur natürlichen Frisur junger Mädchen gesteckt wird. Mit roten Bändern und Seidenstoff verziert, wurde er beim Tanz und bei Hochzeiten getragen. In einer Vitrine ist Trachtenschmuck wie z.B. Schuhschnallen oder Schürzenverzierung zu sehen.

Im zweiten Raum, dem ehemaligen Gemeinderatssaal befindet sich die Frank- Sammlung, die von den Mitgliedern der Museumsfreunde Pfuhl als Herzstück der Sammlung angesehen wird. Herr Frank, ein Pfuhler Landwirt, gestorben in den 70er Jahren, stellte den bäuerlichen Jahreskreis und die Entwicklungsschritte der Landwirtschaft in selbstgebauten Miniaturmodellen dar. So kann der Besucher die verschiedensten Arten von Fuhrwerken, landwirtschaftlichen Geräten und Bauernhöfen in einer Glasvitrine betrachten und sich ein Bild vom bäuerlichen Alltag machen.

Im Flur des ersten Obergeschosses befindet sich ein Ausstellungsstück, das eigentlich im Gegensatz zu dem Thema bürgerliches und bäuerliches Leben steht. Hierbei handelt es sich um einen sogenannten Brandschrank. Brandschränke waren Schränke, die an den Seiten mit Griffen versehen waren und im Notfall, z.B. beim Angriff der Schweden, oder bei einem Hausbrand ins Freie gerettet werden konnten. Sie beinhalteten meistens wichtige Dokumente und wurden vor allem in Rathäusern, aber auch in reichen Bürgersfamilien verwendet.

Der dritte Raum behandelt die Entwicklung der Schulgeräte vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Ein nachgebildetes Klassenzimmer vereint die Schulgeräte der letzten 200 Jahre. Besonders interessant sind die vier Schulbänke, die hintereinander aufgereiht sind. Die hinteren drei unterscheiden sich insofern von der vorderen, als dass Tisch und die Bank noch aus einem Stück sind, daher auch heute noch der Begriff „Schulbank". Neben der mit altdeutscher Schrift beschriebenen Tafel hängt ein Bild von König Ludwig II., was sich für eine bayerische Schule im 18. Jahrhundert gehörte. Eine Schrankvitrine beinhaltet diverse Schulgeräte wie Griffel, Rechenschieber, alte Schultüten oder Fleißbildchen. Im Klassenzimmer gibt es zwar etliche Zeigestäbe, ein alter Tatzenstock jedoch fehlt in dieser Sammlung.

Im vierten Raum, der sogenannten Jungfernkammer ist das Schlafzimmer einer Jungfrau, also einer unverheirateten Frau nachgebildet. Besonders auffällig ist hier der große, mit Bettwäsche gefüllte Kleiderschrank. Diese Bettwäsche wurde gesammelt und bei der Heirat als Aussteuer in die Ehe mitgebracht.

Um sich von den anderen Heimatmuseen abzuheben und nicht die vierte Bauernstube des Landkreises einzurichten, beschloss das Pfuhler Heimatmuseum, den fünften Raum als eine bürgerliche Stube um 1890 einzurichten. Im Gegensatz zur Bauernstube, die mit einem Holztisch und Holzstühlen eingerichtet ist, gibt es hier schwere Plüschsofas und Sessel, typisch für die Gründerzeit und den Jugendstil. Das Bismarck- Portrait an der Wand und die vom Landrat verliehenen Pokale im Regal wären in der Bauerstube undenkbar. Diese Stube wird als „kalte Pracht" bezeichnet. Der Grund hierfür ist der, dass die Stube nicht beheizt wurde. Nur in Ausnahmefällen, wenn z.B. Besuch kam, heizte man die zur Repräsentation dienende Stube durch ein Feuer im Kachelofen ein. Man wollte verhindern, dass die Stube „verwohnt" wird.

Die an die Stube angrenzende Speisekammer bietet einen Überblick über die Küchengeräte um die Jahrhundertwende. Durch die Vielfalt der Geräte soll dem Besucher deutlich werden, wie erfinderisch die Leute damals schon waren und was für Arbeitsschritte früher noch gemacht werden mussten. Eine Nudelschneidemaschine, vom Großvater oft auch zum Schneiden von Pfeifentabak missbraucht, ist dem Großteil der heutigen Generation unbekannt. Heute geht man in den Supermarkt und kauft ein 250g-Päckchen Spaghettinudeln, bei dem jede Nudel genau gleich lang ist.

In der angrenzenden Küche geht die Ausstellung von Küchengeräten weiter. Besonders erwähnenswert ist hier ein abschließbarer Brotschrank. Ging die Mutter aus dem Haus, so sperrte sie mit einem Schloss alle vier Schubladen auf einmal ab, sodass die Kinder während ihrer Abwesenheit nicht in Versuchung kamen, das Brot wegzuessen. Dieser Schrank schildert den Notzustand, der unter der Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte, besser als eine Informationstafel. Die Notzeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist ein Thema, das gerne totgeschwiegen wurde. Es gibt wenige Überlieferungen aus dieser Zeit, da man nicht stolz auf arme Vorfahren war.

Im 2. Obergeschoss werden die Arbeiten der Frau und die Spielsachen zur Jahrhundertwende vorgestellt. Der erste kleine Raum ist dem Waschtag gewidmet. Auf einer Tafel werden die zahlreichen Arbeitsvorgänge des Waschvorgangs vom Einweichen bis zum Bügeln erklärt. Die dazu verwendeten Geräte wie Wanne, Waschbrett usw. werden daneben ausgestellt.

Der zweite Raum trägt den Namen „Hausfrauenfleiß: waschen, bügeln, nähen, flicken, stopfen, stricken, häkeln usw.". Dementsprechend trifft der Besucher in den Vitrinen auf alte Bügeleisen, Nähmaschinen, Nadelkissen, gehäkelte Betthauben und andere Kleidungsstücke. Die Armut der Bevölkerung wird in diesem Raum durch einen Bettbezug ausgedrückt, der elf Flicken enthält.

Raum drei befasst sich mit Spiel und Sport im Freien. Die Aufgabe der Spielsachen war es, die Kinder auf das Erwachsensein vorzubereiten. In der Vitrine dieses Raumes sind Bubenspielsachen wie Steinschleudern, aus Knöpfen gefertigte Jojos oder Spatzenfallen zu sehen. Kinder eines wohlhabenden Bauers spielten mit Holzbauernhöfen, was ihrem Lebenskreis entsprach. Reiche Bürgersleute, wie es sie bei uns vor allem in Ulm gab, schenkten ihren Kindern Spielzeugzüge oder Puppenhäuser. In einem separaten Zimmer ist eine Vielzahl von Puppenküchen und Puppen ausgestellt. Unter den Puppen befinden sich auch Puppen von Kindern armer Familien. Diese bestehen aus Stoff, der mit Heu ausgestopft ist. Das Gesicht ist auf den Stoff gemalt. Bei den ausgestellten Sportgeräten handelt es sich ausschließlich um Schlitten oder Skier. Viele der Exponate würden vom Schicksal ihrer Besitzer berichten, könnten sie sprechen. So z.B. ein Schlitten, auf dem eine Frau mit ihrem gesamten Hab und Gut über die zugefrorene Ostsee vor der Roten Armee floh.

Das Pfuhler Heimatmuseum hebt sich durch seine Spezialisierung auf die Arme-Leute-Kultur von den anderen Heimatmuseen in gewisser Weise ab. Besonders lobenswert ist das Engagement der Pfuhler Museumsfreunde, die das Museum in Eigenregie gestaltet haben und mit Geschick ihre Vorstellungen zu verwirklichen wussten. Dass die Pfuhler Museumsfreunde durchaus in der Lage sind, eine gute Präsentation zu erstellen, beweisen sie mit ihrem neuen Museumsstadel.



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