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Regionalmuseum Reichelsheim Odenwald

(15.11.2013 , Germany, Reichelsheim (Odenwald) )
Vortrag: Graf Georg Wilhelm, der letzte regierende Reichenberger

Am letzten Donnerstag Abend (7.11.2013) ließ der Arbeitskreis des Regionalmuseums Reichelsheim Odenwald seine diesjährige Vortragsreihe „Leben und arbeiten in der Region – einst und jetzt“ mit einem Referat über Graf Georg Wilhelm ausklingen. Arbeitskreismitglied Horst Wendel berichtete über den letzten regierenden Reichenberger Grafen, der von 1717 bis 1731 auf Schloss Reichenberg residierte und nach seinem Tod 1757 in der evangelischen Michaelskirche beigesetzt wurde.

Georg Wilhelm wurde 1686 als zweiter Sohn des Grafen Georg Albrecht III. von Erbach-Fürstenau und seiner Gemahlin Anna Dorothea Christine, geborene Gräfin von Hohenlohe-Waldenburg, in einer Zeit geboren, in der die Spuren des Dreißigjährigen Krieges noch immer zu sehen waren: der Odenwald war entvölkert, die Landschaft verwildert und die Menschen der Zivilisation entwöhnt. In seinem achten Lebensjahr wurde er zur gemeinsamen Erziehung mit dem dortigen Prinzen und späteren Regenten Adolf Friedrich von Mecklenburg-Strelitz nach Güstrow geschickt, wo er acht Jahre blieb. Danach kehrte er nach Hause zurück, trat in das fränkische Kürassierregiment des Grafen Johann Ernst von Hohenlohe-Öhringen ein und ging ein Jahr später in niederländische Dienste. Nach mehreren Schlachten wechselte er dann in dänische Dienste und wurde 1706 schwer verwundet. Im Frühjahr 1710 ging Georg Wilhelm wieder zurück nach Hause um dort seine Krankheit auszukurieren. Schon bald darauf kehrte er in den Militärdienst zurück und schloss sich 1713 dem Prinzen Eugen an. Da sein Regiment nach beendetem Feldzug in das Quartier nach Mantua ging, beendete Georg Wilhelm seine Soldatenzeit und kehrte auch auf Wunsch seines Vaters nach Fürstenau zurück.

Nach dem Tod seines Vaters erbte Georg Wilhelm das Amt Reichenberg mit Reichelsheim als Amtssitz. Das Amt umfasste die heutige Großgemeinde Reichelsheim mit Nieder-Kainsbach und Winterkasten sowie weitere Besitzungen im Mümlingtal und im Spessart.

Graf Georg Wilhelm erweiterte Schloss Reichenberg für seine Familie und sein Gefolge. Aus seiner Ehe mit Sophie Charlotte, geborene Gräfin von Bothmer und verwitwete Gräfin von Plauen, gingen zwei Töchter hervor: Sophie Christine Charlotte Frederike Erdmuthe und Johanna Ernestine. Das reiche Erbe seiner Frau ermöglichte es ihm, die Reichelsheimer Michaelskirche und den Kirchturm von 1492 neu aufzubauen und zu erweitern. In der neuen Kirche wurde ein großzügiger und reich verzierter Grafenstuhl eingebaut, der noch heute zu sehen ist. Bereits 1713 wurde auch das Amtsverwaltungshaus mit Gerichtssaal und Weinkeller erbaut, Gebäude in der heutigen Bismarckstraße 46 und 48. So stand das gesamte Schloss Reichenberg der gräflichen Familie zur Verfügung bis zum Umzug nach Erbach im Jahr 1731.

Fünf Jahre nach dem Tod seiner Gattin verheiratete sich Graf Georg Wilhelm 1753 in zweiter Ehe mit Leopoldine Sophie Wilhelmine zu Dhaun und Kyrburg, der Tochter des Rheingrafen Karl Walrad. Im darauf folgenden Jahr wurde der gemeinsame Sohn Franz I. geboren.

Georg Wilhelm starb 1757 nach kurzer Krankheit und Kuraufenthalt in Wiesbaden und wurde neben seiner ersten Gemahlin in der Reichelsheimer Michaelskirche beigesetzt. Hier ruhten bereits seine früh verstorbene zweite Tochter Johanna Ernestine (1731) und seine im Alter von vier Jahren verstorbene Enkelin Sophia Augusta (1747), Tochter von Sophie Christine Fürstin zu Nassau und Fürst Wilhelm Heinrich von Saarbrücken. Seine Witwe Leopoldine Sophie starb 1795 in Erbach.

Rund 100 interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten im historischen Rathaussaal diesem bebilderten Vortrag, erfuhren auf diese Weise viel über die Familiengeschichte und das Wirken von Graf Georg Wilhelm und bedankten sich mit reichlich Beifall.

Der Arbeitskreisvorsitzende Gerd Lode würdigte die langjährige Arbeit des Referenten zur Erforschung der örtlichen und regionalen Geschichte, für die Horst Wendel kürzlich die Verdienstmedaille der Gemeinde Reichelsheim erhalten hat. So hat er beispielsweise in den letzten Jahren den zwischenzeitlich rund 4000 Fotos umfassenden Bilderbestand des Regionalmuseums digitalisiert und organisiert die alljährliche Präsentation anlässlich des Reichelsheimer Michelsmarktes. Seine Recherchen gelten auch dem Leben und Wirken des Christian Daniel Gottfried Nees von Esenbeck, geboren 1776 auf Schloss Reichenberg und Präsident der naturwissenschaftlichen Vereinigung Leopoldina von 1818 bis 1858 und der evangelisch-lutherischen Kirche in Reichelsheim und ihrem Gründer Georg Anthes.





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