Burg Altena, Germany
Stiftung Moritzburg . Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt
     E X H I B I T S   A N D   H I G H L I G H T S     
<< previous     Dia 3 of 4     overview     next >>
Utopie und Sachlichkeit -Karl Völker 1889 – 1962
Industriebild, um 1924, Öl auf Leinwand, 93 x 93 cm

Karl Völker gehört zu den interessantesten deutschen Künstlerpersönlichkeiten der Mitte des 20. Jahrhunderts, dessen Schaffen allerdings selbst Kennern oft nur in Einzelbildern gegenwärtig ist. Die Stiftung Moritzburg widmet Karl Völker deshalb eine große Retrospektive aus ihren eigenen umfangreichen Beständen, ergänzt durch zahlreiche Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen, um das Werk dieses noch immer weit unterschätzten Künstlers ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und ihn als wichtigen Vertreter der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit zu würdigen. Neben der künstlerischen Meisterschaft liegt Völkers Bedeutung in seiner Vielseitigkeit als Maler, Grafiker und Architekt sowie in einer der conditio humana verpflichteten Wahrhaftigkeit und einem scharfen gesellschaftskritischen Blick. Zwischen der frühen, am Expressionismus orientierten Malerei und den Kreidegrundzeichnungen der 50er Jahre, die als Höhepunkt des Spätwerks gelten können, liegt ein faszinierendes, stilistisch nuancenreiches Œuvre, das eine eigentümliche Intensität entfaltet. Karl Völker, am 17. Oktober 1889 in Giebichenstein bei Halle an der Saale geboren, studiert nach einer Ausbildung im väterlichen Malerbetrieb an der Dresdener Kunstgewerbeschule bei Richard Guhr. Er arbeitet seit 1913 in Halle an der Saale, wo er bald Anerkennung durch zahlreiche Gestaltungsaufgaben im öffentlichen Raum findet. Kompromisslose Zeitgenossenschaft Als Mitglied der ersten Stunde in der 1918 von Max Pechstein und anderen gegründeten "Novembergruppe", ist Völker bei der regionalen Verankerung der revolutionären Berliner Ideen in der "Hallischen Künstlergruppe" die treibende Kraft neben dem Architekten Martin Knauthe, den Bildhauern Karl Oesterling, Paul Horn und dessen Sohn Richard Horn. Noch im gleichen Jahr nahmen die Künstler zusammen mit anderen Ortsgruppen ("Die Kugel", Magdeburg, "Expressionistische Arbeitsgemeinschaft", Kiel, "Rieh", Karlsruhe, "Kräfte", Hamburg, "Üecht Gruppe", Stuttgart) an der ersten Ausstellung der "Novembergruppe" in Berlin teil. Die "Novembergruppe" wollte einen Bezug zur sozialen Revolution in Deutschland herstellen und auf alle Gebiete künstlerischen Schaffens so z.B. auch auf Baukunst und Raumgestaltung Einfluss nehmen. Die anfangs kleine hallesche Gruppe wuchs schnell an und gründete 1919 mit dem Bund der Architekten und Mitgliedern des Künstlervereins "Auf dem Pflug" den "Hallischen Künstlerrat", der Kunstausstellungen organisierte und Ausschreibungen künstlerischer Wettbewerbe formulierte. Karl Völker war bei all diesen Unternehmungen in den folgenden Jahren der treibende Motor, ideenreich und anfeuernd. (Richard Horn) Die neutestamentlichen Szenen der Deckengemälde im Innenraum der Kirche in Schmirma aus dem Jahr 1921 gehören in ihrer expressiven Formensprache zu den ungewöhnlichsten und bis heute gültigen künstlerischen Interpretationen in sakralen Räumen in jener Zeit. Sie sind getragen von jenem Geist der Erneuerung, über den Richard Horn in seinen Erinnerungen an Karl Völker schreibt: Es ging uns damals – umfassend und allgemein – um die Befreiung der Menschheit von den Fesseln aller inhumaner Bevormundung auf geistigem und materiellem Gebiet, um die Erlösung der Persönlichkeit. Das Interesse für Architektur und Kunst im öffentlichen Raum führt Karl Völker ab 1922 zur engen Zusammenarbeit mit so bedeutenden Vertretern des Neuen Bauens wie Bruno Taut unter anderem bei der Farbgestaltung des Magdeburger Rathauses oder Otto Haesler bei der Entwicklung eines Farbkonzepts für dessen Siedlung "Italienischer Garten" in Celle. Die Reflexion der großräumigen Industrialisierung der Region um Halle und die Tätigkeit als Architekt bringen Mitte der 20er Jahre eine stilistische Wandlung und führen zu einem Höhepunkt im Gesamtwerk Völkers. In einer vom Konstruktivismus geprägten Neuen Sachlichkeit malt Völker eine Reihe von Industriebildern, die in jener Epoche zu den besten ihres Genres zählen. In den zeitgleich geschaffenen, herausragenden Bildnissen erweist sich Karl Völker als Meister der genauen Beobachtung, der den Porträtierten eine über ihre Zeit und über ihre soziale Herkunft hinausweisende Würde verleiht. Kritik und Groteske Ab 1923 entstehen für die Wochenzeitung "Das Wort" regelmäßig expressive Holz- und Linolschnitte mit sozialkritischem Inhalt. 1924 beteiligte er sich zusammen mit Otto Dix, Georg Grosz, Eric Johansson, Käthe Kollwitz, Otto Nagel und Heinrich Zille an der legendären "Hunger"-Mappe zugunsten der Internationalen Arbeiterhilfe. Zwischen 1928 und 1932 widmete Karl Völker sich gemeinsam mit Otto Haesler einer Reihe von Projekten des sozialen Wohnungsbaus (Berlin-Haselhorst, Karlsruhe-Dammerstock, Celle, Kassel, Rathenow). Zeitgleich erobert das Groteske das Szenarium der Kompositionen Karl Völkers. Die sachlichen Bildräume wandeln sich zum satirischen Welttheater: Es entstehen Maskenstillleben, Jahrmarkts-und Kaffeehausbilder, die das Unbehagen an der Zeit mit einer fast schon prophetischen Vorwegnahme der bedrohlichen gesellschaftlichen Entwicklungen bezeugen. Unter der Nazi-Herrschaft als "entartet" verfemt und in Willrichs Schmähschrift "Die Säuberung des Kunsttempels" erwähnt, findet Völker nur mit Unterstützung der Mitarbeiter der halleschen Denkmalpflege Arbeitsmöglichkeiten. So erhält er Aufträge zur Ausmalung einer Reihe von Dorfkirchen im mitteldeutschen Raum (Abberoda, Kelbra, Holleben, Schneidlingen, Zwenkau, Schwenda). Der 55-jährige wird noch gegen Kriegsende zum so genannten "Volkssturm" einberufen und gerät in Kriegsgefangenschaft. Seine Erfahrungen im amerikanischen Kriegsgefangenenlager Bad Kreuznach notiert Völker skizzenhaft vor Ort und dokumentiert sie unmittelbar nach seiner Rückkehr in einer eindrucksvollen Radierfolge. Zeitlose Ideale Die äußeren Umstände der Nachkriegszeit bedingen eine neuerliche Hinwendung zu architekturbezogenen Arbeiten. So entstehen schon 1947 Wandmalereien für die halleschen Kammerspiele, außerdem beteiligt sich Karl Völker an verschiedenen Wettbewerben zur städtebaulichen Neugestaltung der Stadt Halle. Zwischen 1947 und 1950 kommt es bei der Planung für den Wiederaufbau der Altstadt von Rathenow und des ehemaligen Berliner Zeughauses zu einer erneuten Zusammenarbeit mit Otto Haesler. Parallel zu den architekturbezogenen Arbeiten wie z. B. den Glasfenstern für die Erfurter Thomaskirche und Mosaiken für ein Verwaltungsgebäude der Wasserwirtschaft in Halle, entstehen als Spätwerk Völkers Kreidegrundzeichnungen, in denen er noch einmal – stilistisch gewandelt – an die Prophetengestalten der frühen Wandbilder und Tuschzeichnungen anknüpft. Zu Beginn der 20er Jahre hatte er die kompromisslose Zeitgenossenschaft einem zeitlosen Ideal vorgezogen; nun in den 50er Jahren wendet er sich in seinen Zeichnungen tradierten humanistischen Inhalten zu, in denen sich als eine Art des "Nachdenkens über das Leben" Allegorisches neben antiken Themen findet und Alltägliches wie selbstverständlich neben Religiösem und Mythologischem steht. 1961 erhält Karl Völker den Kunstpreis der Stadt Halle. Er stirbt am 28. Dezember 1962 in Weimar. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.





copyright © museum.com gmbh. all rights reserved.
copyright policy