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Linden-Museum Stuttgart, Staatliches Museum für Völkerkunde
     M U S E U M   D E V E L O P M E N T , -   H I S T O R Y     
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Geschichte des Linden-Museums
Linden-Museum Stuttgart

Die Anfänge 1882 - 1889 Das Bürgertum strebt auf, die Industrialisierung hat Fuß gefasst. Der Handel überschreitet die nationalen Grenzen. Es ist Montag der 27. Februar 1882. Im Börsensaal der Stuttgarter Gewerbehalle versammelt sich eine Gruppe von Wirtschaftsvertretern . Sie gründen den Württembergischen Verein für Handelsgeographie und Förderung Deutscher Interessen im Ausland e.V. Die erste Mitgliederliste des Vereins weist neben einer Reihe von mittelständischen Unternehmen auch Firmen wie BASF, Märklin, Mauser und WMF auf. Der Verein stellt sich die Aufgabe durch Vorträge und die Publikation von Fachschriften und Karten, Erdkunde zu pflegen, die württembergische Ein- und Ausfuhr durch Rat und Tat, insbesondere durch Förderung der Gründung eines Handelsgeographischen Museums, zu unterstützen, das Deutschtum im Ausland zu pflegen und Auswandernde zu beraten. Ein Mitglied des Vorstandes beschreibt diese Ziele: "Man darf nicht glauben, dass die sogenannten Wilden sich die ersten besten Ladenhüter oder den Fabrikationsschund aufhängen lassen. Sie haben feststehende, aber oft unausgedrückte Regeln des Geschmacks." "In den nationalen Ornamenten legt der Wilde und Halbbarbar seinen Geschmack nieder" heißt es da. "Findet er in fremden Fabrikaten seine eigenen Geschmack und Kunstformen wieder, so wird er solche Ware kaufen." Und weiter: "Es ist die Aufgabe der Fabrikanten, für die fremde Geschmackskenntnis neue gangbare Formen zu finden. Hierzu bietet ihm das Handelsgeographische Museum das beste Mittel, da es solche Typen des fremden nationalen Geschmacks sammelt." Man bittet nun im Ausland lebende Wüttemberger entsprechende Stücke nach Stuttgart zu schicken. Doch der Erfolg ist mäßig. Erst die offizielle Unterstützung König Wilhelms II. von Württemberg lohnt die Bemühungen. Der König lässt dem Verein eigene Sammlungen, aber auch andere Bestände aus Landesbesitz überstellen. Auf diese Weise erhält der Verein auch Exponate aus dem Naturalienkabinett, einer Kuriositätensammlung wertvoll erscheinender, fremdartiger Stücke. Die erste Dauerausstellung wird 1889 in der Gewerbehalle eröffnet. Bei ihrem Aufbau ist man bestrebt, nach damaligem Verständnis ganz wissenschaftlich zu verfahren. Neben archäologischen Funden, botanischen und zoologischen Präparaten, enthält die Ausstellung auch ethnographische Stücke. Das ist kein Zufall, denn die Menschen fremder Länder ordnet man wie exotische Tiere ins Reich der Biologie ein. Graf von Linden 1889-1910 Im Jahre 1889 bekommt der Württembergische Verein für Handelsgeographie einen neuen Vorsitzenden- Karl Graf von Linden. Nun kommt Schwung in die Sammeltätigkeit. Zum Wohle des Vereins bringt Graf von Linden neben seinem privaten Vermögen drei wichtige persönliche Eigenschaften ein. Diplomatisches Geschick, beste Beziehungen zu Königshaus und Staatsregierung und reges Interesse für die noch junge Wissenschaft Völkerkunde. Graf Linden spricht nun von einem Museum für Länder und Völkerkunde. Es soll nach seinen Worten die materielle Kultur, die Sitten und Gebräuche der Naturvölker dem Beschauer näher bringen in das Leben, Fühlen und Glauben der Völker einführen. Das Museum soll den Sinn für das Schöne wecken und erst an letzter Stelle den produktiven Kreisen eine Fundgrube der Anregung und Belehrung enthüllen. Wir befinden uns in der Blütezeit des deutschen Kolonialismus. Ostafrika und ein Teil Westafrikas mit Kamerun und Togo, Kiautschau in China, die Karolineninseln und Samoa, ein Teil Neuguineas in der Südsee, sind deutsche Kolonien. An deutschen Universitäten etabliert sich die Völkerkunde als eigene Wissenschaft. Und in Dresden, Hamburg, Berlin, Bremen, Stuttgart, Frankfurt, Köln und Leipzig entstehen Museen: völkerkundliche, handelsgeographische und Kolonialmuseen. Und wie sieht Graf Linden die Rolle der Völkerkunde? Die Ethnographie lehrt uns die Erschließung der fremden Gebiete, eröffnet wertvolle Aufschlüsse für die koloniale Verwaltung, durch einen Einblick in die Eigenart der fremden Völker und bahnt dem Missionar den Weg zu den Herzen der Eingeborenen. Allerdings sieht der Graf auch die Folgen kolonialer Expansion. Die Zivilisation dringt unaufhaltsam in die fernsten Gebiete der Erde und vernichtet die gesamte ursprüngliche Kultur . Wenige Jahre noch und die Errichtung eines Völkerkundemuseums ist wegen Mangel an echtem ursprünglichen Material für immer ausgeschlossen. Die Sammler Karl Graf von Linden plante ein eigenständiges Museum für Länder- und Völkerkunde ein Archiv der Menschheitskulturen. Hier sollten die materiellen Überreste zerstörter Kulturen konserviert werden. Diese aus heutiger Sicht sehr zwiespältige Aufgabenstellung spiegelt sich in den Personen der Sammler wider, wie zum Beispiel dem Forscher Julius Euting. Julius Euting beschäftigt sich mit orientalischen Sprachen und schreibt seine Doktorarbeit über den Koran. Er entziffert altsemitische Schriften und ist bald als wissenschaftliche Kapazität anerkannt. Bei seinen Reisen durch die arabische Welt legt Euting auch ethnograpische Sammlungen an: Kleidung, Schmuck, Amulette - alles Dinge die völkerkundliche Ausstellungen attraktiv und anschaulich machen. Sein Ziel ist es, arabische Kultur zu verstehen und anderen Menschen verständlich zu machen. Ganz anders der Kolonialbeamte Albert Hahl. Der Jurist vertritt als kaiserlicher Bezirksrichter in Deutsch-Neuguinea die Regierungsgewalt. Albert Hahl sammelt, um für die Kolonien zu werben. Denn es ist nicht leicht, Siedler für die eroberten Gebiete zu gewinnen. Die Offiziere der Schutztruppen gehören zu einem weiteren Sammlertypus. So auch Hauptmann Hans Glaunich, Kommandant der kaiserlichen Schutztruppen in Ostafrika. Hauptmann Glaunich, er kommt 1908 bei einem Schußwechsel ums Leben, profiliert sich als Spezialist für Strafexpeditionen. Er sammelt Exponate auf ganz andere Weise. In einem Brief an Graf Linden bemerkt Glaunich:" Was die Besorgung einer grossen Trommel anbelangt, so wird es jetzt schwer sein, eine solche zu beschaffen, da die betreffenden Gebiete pazifiziert sind, die Eingeborenen aber freiwillig ihre Trommel nicht gerne hergeben." Für viele der Sammler gibt es ein ganz persönliches Motiv, Ethnographika nach Stuttgart zu senden: die Aussicht auf eine Orden. Man schenkt seine Sammlung dem württembergischen König, der sie umgehend an das Museum weiterleitet. Graf Linden regt dann, je nach Qualität der Stücke, eine Verleihung eines entsprechenden Ordens an. Das neue Museum Anfang des 20. Jahrhunderts haben die Sammlungen des Vereins für Handelsgeographie einen beachtlichen Umfang angenommen. Bald reicht der Platz in der Gewerbehalle nicht mehr aus. Karl Graf von Linden will nun einen Plan verwirklichen, den er schon lange hegt: den Bau eines eigenen Museumsgebäudes. Sehr geschickt appelliert Graf von Linden an patriotische, im Ausland reich gewordene Schwaben. Der opferfreudige Sinn der Württemberger hat, wenn es galt zum allgemeinen Besten etwas Großes zu schaffen, nie versagt. Durch günstige Zeitumstände und den unermüdlichen Sammeleifer des Grafen gelingt es in wenigen Jahren das Geld für einen repräsentativen Neubau zusammenzutragen. In dieser Zeit bezeichnet sich Graf von Linden selbstironisch als Bettler von internationalem Format. Er selbst bringt fast sein ganzes Vermögen in den Museumsbau ein. Am Ziel seiner fast 20-jährigen Arbeit soll ein eigenes Stuttgarter Völkerkunde-Museum stehen. Doch die Eröffnung wird er nicht mehr erleben. Graf von Linden stirbt im Januar 1910, wenige Monate nach Baubeginn, im Alter von 71 Jahren. Das neue Gebäude wird am 28. Mai 1911 feierlich eingeweiht- nach der kurzen Bauzeit von nur 18 Monaten. Es liegt nahe, dass dieses Stuttgarter Völkerkunde Museum nur einen Namen tragen konnte: Linden-Museum. Theodor Wanner 1910-1945 Nach dem Tode von Graf von Linden wird Wilhelm Herzog von Urach neuer Vorsitzender des Vereins für Handelsgeographie. Doch der Herzog widmet sich ausschließlich repräsentativen Aufgaben. Faktisch übernimmt der langjährige Schatzmeister des Vereins, Theodor Wanner, die Führung der Museumsgeschäfte. Theodor Wanner ist Sohn einer Stuttgarter Kaufmannsfamilie. Er ist in England ausgebildet und hat Studienreisen nach Äthiopien und in den Sudan unternommen. Bereits mit 23 Jahren ist Theodor Wanner Teilhaber einer Möbelfabrik und eines renommierten Reisebüros. Sein Name steht für bürgerliches, schwäbisch solides Unternehmertum. Alle Entscheidungen über Ankäufe des Museums behält sich Wanner persönlich vor. Im Vordergrund steht nicht mehr der völkerkundliche, sondern der repräsentative Wert eines Stückes, also Alter, Seltenheit und kunsthistorische Bedeutung. Theodor Wanner ist Patriarch und zugleich agiler Manager. Er ist beispielsweise auch Mitbegründer der süddeutschen Rundfunk AG. Wanner gründet auch das Museum und Institut zur Kunde des Auslanddeutschtums und Förderung deutscher Interessen im Ausland, das heute als Institut für Auslandsbeziehungen fortbesteht. Die deutschen Kolonien werden von den Siegermächten des 1.Weltkriegs beschlagnahmt. Schon in den 20er Jahren entstehen in Deutschland eine neue traditionalistische Strömung und eine neue Kolonialbewegung. In Stuttgart plant man 1928 eine große Kolonialausstellung. Veranstalter ist aber nicht etwa das Linden-Museum, sondern ein Konsortium aus Handelsunternehmen und verschiedenen Traditionsvereinen. Die Federführung liegt bei Theodor Wanner. Wanner sagt über die Kolonialausstellung: Die Ausstellung hat die sehr wertvolle Aufgabe, dem eigenen Volk vor Augen zu führen, was von Deutschen in den Kolonien früher geleistet wurde. Während des 3. Reiches geht das Linden-Museum auf Distanz zur nationalsozialistischen Kulturpolitik. Das Gaukulturamt versucht Linden-Museum und Auslandsinstitut unter NS-Kontrolle zu bringen. Doch einigen angesehenen Völkerkundlern und dem liberalen Stuttgarter Bürgertum gelingt es diesen Plan zu vereiteln. Um so stärker leidet das Museum im 2. Weltkrieg. Die meisten Objekte bringt man zu ihrem Schutz im Salzbergwerk Bad Rappenau unter. Als jedoch am 14. September 1944 die Bomben auf Stuttgart fallen, geht das Museum in Flammen auf. Die meisten Großobjekte, zum Beispiel die Boote werden vernichtet. Die Erneuerung 1945-1985 Am Ende des zweiten Weltkriegs liegt das Linden-Museum in Schutt und Asche. Doch Theodor Wanner gelingt ein Kunststück, das niemand für möglich hielt. Er macht das Linden-Museum zur ersten Großbaustelle nach 1945. Unter den denkbar schlechtesten Umständen besorgt Wanner die Mittel für den Wiederaufbau, bei Wirtschaft, Stadt und Land, auch bei der amerikanischen Militärverwaltung. Dennoch ist der Träger des Museums, der Verein für Handelsgeographie, im Jahre 1953 finanziell am Ende. Die Stadt Stuttgart erklärt sich bereit zu helfen, verlangt aber Mitsprache in allen wesentlichen Entscheidungen. Für Theodor Wanner, den absolute Alleinherrschaft gewohnten Patriarchen, ist dies unannehmbar. So macht er im Alter von 74 Jahren den Vorsitz frei. Die personelle Ausstattung bleibt freilich weiterhin mager. Meist hat das Haus einen oder zwei feste Mitarbeiter, die eine größer werdende Sammlung von weit mehr als 100000 Stücken betreuen. So arbeitet Professor Dr. Friedrich Kussmaul seit 1954 im Linden-Museum tätig auf eine öffentliche Trägerschaft hin. Am 15. Oktober 1973 wird das Linden-Museum ein staatliches Museum für Völkerkunde, wobei die Stadt Stuttgart weiter einen wesentlichen Beitrag leistet. Der Verein, sein Name lautet inzwischen Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde, konzentriert sich wieder auf seine ursprüngliche Aufgabe. Seine Mitglieder fördern das Linden- Museum und einzelne Forschungsprojekte und sie veranstalten Vorträge. Das Gebäude des Linden-Museums wird in dieser Zeit von Grund auf renoviert. Von 1979-1985 dauern die Arbeiten.





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